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DIVI 4 / 2020, Seite 172, Wissenschaft

Georg Marckmann1, Gerald Neitzke2, Jan Schildmann3

Triage in der COVID-19-Pandemie – was ist gerecht?

Triage in the COVID-19 pandemic – what is fair?

Zusammenfassung
Angesichts der hohen Anzahl schwerer Krankheitsverläufe stellt sich während der COVID-19-Pandemie die Frage, wie die verfügbaren Intensivbetten bei einer akuten, anders nicht zu behebenden Knappheit an Intensivkapazitäten zugeteilt werden sollen. Der vorliegende Beitrag diskutiert, wie solche Triage-Entscheidungen in einer gerechten Art und Weise getroffen werden können.
Zunächst muss die Intensivtherapie eine realistische Erfolgsaussicht besitzen und dem erklärten oder mutmaßlichen Willen des Patienten entsprechen. Sofern diese Voraussetzungen erfüllt sind, müssen die dann folgenden Zuteilungsentscheidungen in einem transparenten, fairen Verfahren nach ethisch gut begründeten Kriterien erfolgen. In Ermangelung entsprechender staatlicher Vorgaben haben acht medizinische Fachgesellschaften Empfehlungen für die Allokation knapper intensivmedizinischer Ressourcen im Rahmen der COVID-19-Pandemie erstellt. Um mit den knappen Intensivkapazitäten möglichst viele Menschenleben retten zu können, sollte eine Priorisierung der Intensivpatienten nach dem Kriterium der klinischen Erfolgsaussicht erfolgen.
Aus Gründen der Gleichbehandlung sind alle Patienten mit einem intensivmedizinischen Behandlungsbedarf in die Priorisierung einzubeziehen, auch diejenigen, die nicht an COVID-19 leiden und die sich bereits auf der Intensivstation befinden. Dieses Vorgehen ist kohärent mit der Triage im Katastrophenfall und der Organverteilung, die sich insbesondere an den Kriterien der Dringlichkeit und Erfolgsaussicht zu orientieren hat. Ein pauschaler Ausschluss bestimmter Personengruppen aufgrund von Alter, sozialer Faktoren, bestimmter Grunderkrankungen oder Behinderungen unabhängig von der Einzelfallbetrachtung kann damit verhindert werden.
Alternative Zuteilungskriterien wie beispielsweise ein First-come-first-served oder ein Losverfahren hätten einen hohen moralischen Preis: Es könnten deutlich weniger Menschenleben gerettet werden. Zudem wäre die Tragik der Triage-Entscheidungen noch größer, da auch Patienten mit einer vergleichsweise guten Prognose sterben müssten. Zu diskutieren wäre aber aus ethischer Sicht, ob jüngere Patienten gegenüber älteren Patienten, die einen Großteil ihres Lebenszyklus bereits gelebt haben, bevorzugt werden.
Nachdem eine akute Ressourcenknappheit in der Intensivmedizin durch konsequente Infektionsschutzmaßnahmen und eine maximale Mobilisierung der Kapazitäten in Deutschland vermieden werden konnte, sollte die Zwischenzeit genutzt werden, um die Legitimation möglicher Triage-Entscheidungen durch den Gesetzgeber zu stärken und die Empfehlungen der Fachgesellschaften insbesondere für die Anwendung in größeren Kliniken weiter zu konkretisieren.
Schlüsselwörter
Zitierweise
Summary: The high number of critically ill patients during the COVID-19 pandemic raise the question how the available intensive care unit capacities can be allocated in a situation of acute resource scarcity. This article discusses how these triage decisions can be made in a just way. First of all, the intensive care treatment must have a realistic prospect of success and must be according to the patient’s declared or presumed wishes. If these preconditions are fulfilled, the following allocation decisions must be made in a transparent and fair process based on ethically justified criteria. Without appropriate state regulation, eight medical societies have developed recommendations for the allocation of scarce intensive care resources during the COVID-19 pandemic. To be able to save as many lives as possible with the limited intensive care capacities, the intensive care patients should be prioritized according to the criterion of clinical prospect of success. For reasons of equality, all patients who need intensive care therapy should be included into the prioritization, also those who do not have COVID-19 and who are already in the intensive care unit. This approach is coherent with the triage in disaster medicine and organ allocation, which has to follow especially the criteria of urgency and prospect of success. Thereby, a general exclusion of certain patient groups according to age, social criteria, certain primary diseases or disabilities independent of an evaluation of the concrete case can be avoided. Alternative allocation criteria like first-come-first-served or a lottery would have a high moral price: Considerably less lives could be saved. Furthermore, the tragic of the triage decisions would be even greater, as also patients with a comparably good prognosis would have to die. From an ethical perspective, however, it should be discussed whether younger patients should have priority of elderly patients, who have lived to most of their life cycle. After an acute resource scarcity in intensive care could be prevented in Germany due to the consequent pandemic management, time should be used to strengthen the legitimacy of triage decisions by the legislator and for a further refinement of the medical societies’ recommendations especially for the application in larger hospitals.
Keywords: COVID-19 pandemic; intensive care medicine; resource allocation; triage; justice

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Ausgabe 4 / 2020
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